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Der Mahnruf des missachteten Gewissens

Dr. Franz  Alt

2020
   https://www.sonnenseite.com/de/
Vor einigen Jahren hatten mich die Bürgermeister von Hiroshima und Nagasaki zu Vorträgen eingeladen. Mein Thema hieß „Vom Atomzeitalter ins Solarzeitalter“. Wichtigere Orte zu diesem Thema gibt es wohl nicht.

Wer in Hiroshima und Nagasaki mit Strahlungsopfern spricht oder die beiden eindrucksvollen Gedenkstätten besucht, dem öffnet sich das Tor zur Hölle auf Erden. Im August 1945 geschah ein Massenmord wie ihn sich die Welt bis dahin nicht vorstellen konnte. Innerhalb von Sekunden haben sich Zehntausende von Menschen in Nichts aufgelöst, waren allenfalls ein Häufchen Asche oder für den Rest ihres Lebens verstrahlt und verkrüppelt.

Am meisten erschüttert hat mich jedoch eine Zahl, die der Oberbürgermeister von Hiroshima nannte: Jedes Jahr sterben noch heute in Japan über 3000 Menschen an den Folgen atomarer Verstrahlung aus dem Jahr 1945. 75 Jahre nach den Atombomben-Abwürfen liegt die Katastrophe nicht hinter uns, sondern auch noch immer vor uns. Es wird bis heute weiter gestorben. Kurz vor meinem Vortrag in Nagasaki schob mir der stellvertretende Oberbürgermeister einen handgeschriebenem Zettel zu, auf den er die aktuelle Zahl der in seiner Stadt bisher durch atomare Verstrahlung getöteten Menschen geschrieben hatte: 140.144!

Die Oberbürgermeister von Hiroshima und Nagasaki haben sich schon vor 40 Jahren geschworen, dass der atomare Massenmord in ihren Städten von der Menschheit niemals vergessen oder verdrängt werden darf und gründeten die weltweite Organisation „Bürgermeister für den Frieden“, der sich inzwischen 7.909 Bürgermeister aus 164 Ländern angeschlossen haben. Darunter auch einige Dutzend aus Österreich. Nach einer FORSA-Umfrage sprechen sich 93% der Deutschen für ein völkerrechtliches Verbot von Atomwaffen aus und 85% befürworten einen Abzug der noch immer auf deutschem Boden gelagerten 25 Atomwaffen der USA. Das Ziel der „Bürgermeister für den Frieden“: Eine atomwaffenfreie Welt.

Der Oberbürgermeister von Hiroshima, Tatadoshi Akiba, optimistisch: „Da es möglich war, weltweit die Bio- und Chemiewaffen abzuschaffen, ist es natürlich auch möglich, die gefährlichsten Waffen, die Atomwaffen, abzuschaffen. Keine andere Stadt der Welt soll jemals das Schicksal von Hiroshima oder Nagasaki erleiden. Nur durch viel Druck auf die mächtigen nationalen Politiker der Atombombenbesitzer können wir erreichen, dass die heute weltweit über 15.000 Atomsprengköpfe vernichtet werden. Damit kann die gesamte Menschheit mindestens 20mal ausgelöscht werden“.

Vor kurzem hatte mich der Bürgermeister von Fukushima zu einem Vortrag vor 400 japanischen Bürgermeistern eingeladen. Mein Thema hieß – wie zuvor in Hiroshima und Nagasaki – „Vom Atomzeitalter ins Solarzeitalter“. Dabei fragte ich den Fukushima-Bürgermeister, der soeben vom havarierten AKW gekommen war, was passieren würde, wenn er das Reaktorinnere betreten würde. Seine Antwort: „Nach Sekunden wäre ich Asche“.

Die Bürgermeister von Hiroshima, Nagasaki und Fukushima sagten mir, dass sie allein eine atomwaffenfreie Welt und eine Welt ohne AKWs nicht schaffen. Dazu brauchen sie die Unterstützung vieler Kollegen und Kolleginnen in der ganzen Welt. Immerhin haben 2017 122 UNO-Staaten die Abschaffung aller Atomwaffen gefordert. Aber alle neun Atombomben-Regierungen haben dagegen gestimmt. Leider auch die deutsche Bundesregierung in der UNO. Wahrscheinlich müssen sich noch viel mehr deutsche Bürgermeister dafür einsetzen bis auch die Bundesregierung in Berlin sich dafür ausspricht. Damit könnte Deutschland zeigen, dass es aus seiner Geschichte nach 1945 tatsächlich etwas gelernt hat.

Das ist der Mahnruf des bisher missachteten Gewissens.

Auch die Friedensgruppen in Wien und ganz Österreich leisten dazu einen wertvollen Beitrag. Dafür danke ich allen Beteiligten sehr – auch im Namen der japanischen Bürgermeister.

Sonnige Grüße aus Baden-Baden, Ihr Franz Alt.




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